2. Auflage / Neuausgabe Januar 2025

1. Auflage 2024 / nicht mehr lieferbar:

Tiere lieben und Tiere essen?
Eine kleine Geschichte aus der Südstadt

für Kinder und Eltern von heute.
Mit zahlreichen Illustrationen. Jetzt im Buchhandel :

Als Ava anfing, Tiere zu lieben

war sie noch klitzeklein. Alles begann damit, dass sie Leo und Lulu begegnete, zwei lustigen Hunden, die am Bauch von Avas Mutter schnupperten, als Ava noch nicht geboren war. Auf ihrem weiteren Lebensweg lernte Ava noch viele andere Tiere kennen und lieben. Doch eines Tages entdeckte Ava entsetzt, dass Menschen Tiere töten, um sie zu essen. Ava weinte, wenn sie daran dachte.
Was nun?
Ihre Eltern und ihr*e Lehrer*in erkannten die Gründe für das Leid des Kindes und beschlossen, etwas zu verändern.

Lieschen und Marion
(Erzählung aus: Von Hunden und Menschen, S. 117-118)

Ein winziges, plus minus fünf Kilo weizenfarbenes, lockiges weibliches Hündchen mit berückenden Knopfaugen bellte ihn wütend an und schnappte nach der sanftmütigen Lilie, die sich trotz der Warnung vorsichtig genähert hatte.
»Was für ein Selbstbewusstsein!«, entfuhr es Johannes.
»Straßenköter«, antwortete Marion, die kleine ältere Dame, die das Hündchen an der Leine führte.
»Halt den Mund, Lieschen! Es reicht jetzt!«, fuhr sie die unbeirrt in schmerzhaft spitzen hohen Tönen weiter bellende Hündin an. Schließlich hielt sie der Hündin das Mäulchen zu.
»Ist gut jetzt?«
Die winzige Hündin stand ganz starr. Als die Frau den Griff um die Schnauze löste, bellte das Hündchen noch zweimal leise auf, als ob es beleidigt wäre, sich aber nicht traute, wieder in den Angriffsmodus zu schalten.
»Entschuldigung«, sagte die Frau, »aber sie kommt aus der Gosse. Wer weiß, was sie alles durchgemacht hat.«
»Das macht nichts«, beschwichtigte Johannes. »Sie hat Mut für drei.«
»Das stimmt allerdings. Sonst hätte sie vielleicht nicht überlebt«, sagte sie erleichtert.
»Wo kommt sie denn her?«, fragte er, neugierig geworden. »Sie sieht aus wie ein teurer Rassehund, ein Schoßhündchen.«
»Nein, nein, sie ist alles andere als ein Schoßhündchen. Sie wurde als Welpe ausgesetzt und von Tierschützern von der Straße geholt. In Griechenland. 2010.«
»Mitten in der Wirtschaftskrise«, sinnierte er. »Viele Griechen hatten kaum genug zu essen.«
»Bekannte haben mir von den Tierschützern in Griechenland erzählt, und so habe ich von Lieschen erfahren und sie adoptiert.«

Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass Lieschen seit der Adoption durch die verwitwete Rentnerin Marion durchaus das entspannte Leben eines verwöhnten Schoßhündchens hätte führen können, mit einer schönen Wohnung am Park, freundlichen Hunden und Menschen ringsherum, bestem Fressen und Gesundheitsvorsorge. Allein der heftige und selbstbestimmte Charakter des Hündchens, geprägt vermutlich von den Erfahrungen der Straße, widersprach diametral dem Bild des braven Schoßhündchens.
Die zugleich geplagte wie auch belustigte Adoptivhundemutter Marion betonte immer wieder, dass Lieschen, wie alle Hunde, nur auf eins aus wären: fressen.
»Mag sein, glaub‘ ich aber nicht«, widersprach Johannes.

So oder so, letztlich spielte die Deutung des Verhaltens der resoluten kleinen Straßenhündin keine Rolle, denn Marion tat alles für Lieschen. Lieschen war laut ärztlicher Diagnose hautkrank, und Marion kaufte furchtbar teure Medikamente und sogar Känguru­fleisch für sie. Lieschen trank nicht, so kochte Marion Suppe, die sie Gott sei Dank mochte und zu sich nahm.

Wenn Lieschen draußen auf andere Hunde traf, bellte sie sie bei der ersten und zweiten Begegnung einschüchternd laut an; bei der dritten Begegnung erlaubte sie die hündische Kontaktaufnahme; ab dann blühte sie sichtbar auf und wollte gar nicht mehr nach Hause.
Doch wenn Marion sich umdrehte und ging, dann war alles entschieden, und sie lief hinterher.
Wie gesagt, Marion tat alles für Lieschen.
Und was tat Lieschen für Marion?
Zusammenleben bedingungslos!

9. November

Monolog mit Jakob
(Erzählung aus: Von Hunden und Menschen, S.258)

Immer wenn sie zu der Stelle kamen, wo der Park durch die Rheinuferstraße begrenzt wird und der Spazierweg in einem spitzen Winkel in die Gegenrichtung dreht, wartete Jakob schon auf die Meute. Vom Ast der alten Esche am Scheitelpunkt des Weges taxierte er die Menschen und ihre Hunde. Sobald sie am Kopfende des Weges ankamen und die Gegenrichtung einschlugen, fixierte Jakob den einen Mann da unten, der wie jeden Tag auch heute mit der Hand in seiner Jackentasche nestelte und eine Handvoll trockenes Hundefutter hervorholte. Die Hunde hatten die Handbewegung in der Jackentasche ebenfalls genauestens beob­achtet und rannten alle zu dem Mann, setzten sich vor ihm auf den Weg und starrten auf die Hand mit dem Futter. Zu Hause rührten sie dieses Trockenfutter nicht an, das billige nicht und das teure nicht, erzählten die Spaziergängerinnen Johannes jedes Mal an dieser Stelle. Mit einem plötzlichen Schwung warf Johannes die Trockenfutterwürfel weit nach vorn auf den Weg. Die Hunde stürzten hinterher. Blitzschnell griff er erneut in seine Jackentasche und warf eine Handvoll Futter in hohem Bogen rückwärts über seine Schulter in Richtung des Raben. Er drehte sich um und sah gerade noch, wie Jakob vom Baum heruntersegelte, auf dem Sandweg landete und von einem Würfel zum nächsten hoppelte, bis sein gewaltiger Schnabel so voll war, dass der letzte aufgepickte Futterwürfel wieder herunterfiel.
»Jakob, wo willst du hin?«, rief Johannes, als der Rabe die Flügel ausbreitete und davonflog.
Ein Stich in der Brust, die Erinnerung war einfach da: sein Rabe, der verschwand. Der Verlust seiner Kindheit. Er hielt den Atem an.
Seine kleine Hündin drückte sich mit ihrem seidigen schwarzen Fell an seine linke Wade und schaute ihn von unten mit weichen Augen an. Er hockte sich neben sie und rieb seine Stirn an ihrer.

An einem der letzten Tage seiner Kindheit hatte er beim einsamen Herumstromern vor dem Dorf zwischen Weizen- und Gerstenfeldern, Heuwiesen und dem Urwald des Bachlaufs einen Raben gefunden. Der hockte auf dem Boden, flugunfähig, einen Flügel gespreizt und offenbar verletzt. Es war eine Saatkrähe, ein riesiger Vogel für einen kleinen Jungen, mit einem Furcht einflößenden Schnabel und tiefschwarzen Augen, in denen der Junge sein eigenes Spiegelbild erkannte, das ihn fixierte. Leise sagte er zu dem Raben »Jakob«, denn so sprachen die Leute in seinem Dorf einen Raben an, falls sie ihn nicht töteten, »Jakob, ich sehe, du bist verletzt. Deshalb nehme ich dich mit nach Hause und helfe dir, bis du wieder fliegen kannst. Bitte, Jakob, ich bin dein Freund.« Er spürte, der Rabe war schon am Ende seiner Kräfte, ohne Widerstreben ließ er sich aufheben, er trug ihn an seiner Brust so schnell er konnte zu sich nach Hause, setzte ihn in den leeren Kaninchenstall des »Belgischen Riesen« seines Onkels Bernhard, der mit Frau und zwei Töchtern mit dem Jungen, seinen Eltern und Geschwistern zusammen im Haus lebte.
Die Geschwister des Jungen, seine Cousinen und er selbst liebten Jakob, und sie fragten sich, ob er ein Mädchen oder ein Junge war, und falls er ein Mädchen war, würde er vielleicht Eier legen, wie schön das wäre, eine Rabenfamilie bei ihnen zu Hause. Er hatte Mühe, dass sie ihn nicht zu Tode fütterten, mit gekochten Eiern und rohem Gehacktem, das sie seiner Mutter und seiner Tante abbettelten, dazu gefangene Würmer, Maden und Raupen. Jakob war bald dick und handzahm, hörte auf seinen Namen, pickte sie zärtlich am Ohr und verbrachte seine Tage draußen im Garten. Jakobs Flügel erholte sich so weit, dass er frei herumsprang, kleine Flugversuche machte und auf Büsche und das Gartenlaubendach flog, so wie die Hühner fliegen.
Eines Tages fing er an, mit seinem mächtigen Schnabel Pflanzen in Vaters Garten herauszuzupfen, um die darunter verborgenen Würmer und Larven zutage zu fördern und zu verspeisen. Vergebens versuchte der Junge ihm das auszureden und setzte ihm alle seine Lieblingsspeisen vor.
Bald sagte Vater drohend: »Dieser Jakob wird immer frecher.« Die Kinder bekamen Angst um Jakob, denn das bedeutete nichts Gutes.

Seit der Junge einen Raben näher kennengelernt hatte, liebte er Raben. Aber die Dorfleute liebten sie gar nicht. »Sie sind«, so sagten sie, »nicht nützlich« – so gut wie ein Todesurteil in der alten Zeit – »sie fressen die Saat auf und richten überall Chaos an mit ihren Schnäbeln. Und ihr Gekrächze – das sollen Singvögel sein? Es sind Totenvögel, sie bringen Unglück.« Die Dorfleute erschossen Raben und spießten sie zur Abschreckung für andere Raben auf Pfähle, die sie auf die Felder stellten.

An einem kalten Samstagmorgen im Frühjahr war Jakob weg. Der Junge fand ihn nicht im Hasenstall und nicht im Garten. Er fragte seinen Vater, der um halb sieben aus der Freitags-Tag-und-Nacht-Schicht in der Fabrik zurückgekommen war, am Küchentisch saß und eine Tasse warme Milch trank, ob er wüsste, wo Jakob ist. Der Vater war ein guter Mann und kein Lügner, und doch wusste der Junge, dass er nicht die Wahrheit sprach, um seinen Jungen zu schonen, als er sagte: »Er ist wohl weggeflogen, er ist ja doch ein wildes Tier und braucht seine Freiheit.«
Der Junge und seine Geschwister haben geweint und geschrien und ihrem Vater vorgeworfen, dass er Jakob umgebracht oder zumindest ausgesetzt habe »nur wegen seiner dummen Pflanzen«. Sie haben Jahrzehnte später immer wieder im Scherz versucht, die Wahrheit aus ihm herauszulocken und hätten ihm sofort verziehen, denn er war ein lieber Vater und ein guter Mann. Doch er hat es wohl nicht gewagt auszusprechen, was er getan hat. Und es ging dabei nur um einen Raben, den allein seine Kinder liebten. Was, wenn es noch ganz anderes Unaussprechliches zu hüten gab?

Heute war der neunte November. Der Vater war schon vor langer Zeit gestorben, aber die Mutter, die in ihren jüngeren Jahren so zart und zerbrechlich wirkte, die lebte noch, uralt, krumm und mager. Gestern war er zu Besuch bei ihr, der Mama, die in acht Tagen Geburtstag hatte. Sie erzählte – wie bei jedem seiner Besuche – Episoden aus ihrer Kindheit. Ihre Kindheit war die Zeit des Hochmuts, des Hasses, der Selbstverherrlichung, der Kriegsvorbereitung, der Judenverfolgung, des Krieges, der Angst, der Armut, der Bomben, der Niederlage, der Besatzung, der Furcht vor dem schlechten Gewissen. Und Mama erzählte ihm zum zwölfhunderteinundsiebzigsten Mal die kurze Geschichte des armen, »nicht reichen« – so betonte sie – Juden »Wunderdösjen«, aus dem Nachbardorf, der gleichaltrig mit Mamas Mutter war, ein Nachbarskind, direkt in dem Haus nebenan aufgewachsen. Die beiden kannten sich ihr Leben lang und hatten wohl freundliche, aus ihrer nachbarschaftlichen Kindheit rührende Beziehungen. Doch das war nur seine Vermutung.
Seine Mutter erzählte immer ein und dieselbe winzige Episode vom Juden »Wunderdösjen« und ihrer Mutter, seiner Großmutter. Dieses Ereignis hat seine Mutter als kleines Mädchen von vielleicht neun Jahren miterlebt, das hat sich zutiefst in ihr Wesen und ihre Seele eingegraben:
»Wunderdösjen, der war arm, der war nicht reich, der ging von Haus zu Haus. Er hatte Ziegenfleisch, das er verkaufen wollte. Er kam ins Nachbardorf zu meiner Mutter, die er so lange kannte. Die war dort mit einem Schreinermeister verheiratet und hatte schon neun Kinder, ich war die Jüngste. Wunderdösjen sagte zu meiner Mutter: ›Trautchen, kauf mir doch was ab. Sonst muss ich alles wegwerfen. Es kauft doch keiner mehr was von mir.‹«
Gestern verstummte seine Mutter für einen Moment an dieser Stelle ihres Berichts.
Dann fuhr sie zu seiner Überraschung mit einem anderen Ereignis fort, von dem sie ihm noch nie zuvor erzählt hatte.
»Frau Timm«, sagte sie, »du weißt doch, die im Oberdorf wohnte und mit dem Fritz verheiratet war, dem Maurer. Wie hieß noch ihre Tochter? Vera? Oder Vicky? Die war doch bei dir in der Klasse.«
Sie hielt inne. Ihr Sohn nickte mehrmals zustimmend. Sie fuhr fort:
»Jedenfalls, die Frau Timm stammte auch aus dem Dorf meiner Mutter. Frau Timm ist so alt wie ich, aber sie ist kürzlich gestorben. In der Frauengemeinschaft, beim Strümpfestricken für den Weihnachtsbasar, fing sie plötzlich an zu weinen. Wir haben versucht, sie zu trösten. Dann hat sie uns erzählt, dass sie als kleines Mädchen in der Volksschule als Schulbanknachbarin ein jüdisches Mädchen hatte, eine Tochter des Tierärztchens. Eines Tages trat Lehrer Landsburg vor die Schulbank der beiden Kinder und befahl dem jüdischen Mädchen: ›Pack deine Sachen und geh!‹
Das angesprochene Kind griff mit zitternden Händen nach seinen Sachen. Dabei fiel die Griffeldose auf den Boden und beiden Mädchen liefen die Tränen. Als das kleine Mädchen – die spätere Frau Timm – sich bückte, um zu helfen, die auf dem Boden verteilten Griffel und Stifte aufzuheben, brüllte der Lehrer Landsburg sie an:
›Lass das!‹ Und zu dem jüdischen Mädchen: ›Jetzt geh! Ich will dich hier nicht mehr sehen. Brauchst nicht mehr wiederzu­kommen.‹«
Erneut schwieg seine Mutter einen Moment.
»Mein Bruder Will war mit dem Tierärztchen befreundet und er kannte auch die beiden Mädchen vom Tierärztchen«, fuhr sie fort.
Wieder schwieg sie einen Moment.
Dann, wie um die Geschichte vom Wunderdösjen, vom Tierärztchen und der Ermordung der Juden im Nachbardorf und dem Massenmord an den Juden überhaupt in erträglichen Worten abzuschließen, fügte sie noch hinzu, in der Sprache des neun- oder zehnjährigen Kindes von damals:
»Und dann sind sie auch weggekommen.«

Zu dieser Zeit, das wusste er alles nur von seiner Mutter, war seine Großmutter ein überzeugter Nazi und, zusammen mit einem ihrer sechs Söhne, Mitglied der NSDAP.
Ihm fiel jetzt auf, er hatte seine Mutter nie gefragt, ob ihre Mutter Gertrud, das Trautchen, dem Wunderdösjen Ziegenfleisch abgekauft hat. Und auch nicht, warum der Jude Wunderdösjen »Wunderdösjen« genannt wurde. Und warum Mama immer noch »weggekommen« sagte, und nicht: ermordet.

Als er auf dem Heimweg war, hatte er sich die gefährliche Frage gestellt:
Wie hätte er selbst sich verhalten, damals?
Und er hatte sich die schlimmste Antwort gegeben:
Wie sie. Höchstwahrscheinlich. Wie seine Großmutter. Wie seine Mutter, die noch ein Kind war. Oder wie die anderen, die schwiegen, die zuschauten, wie Juden, Sozis, Kommunisten abge­führt wurden, aber nichts Genaueres darüber wissen wollten, was mit ihnen passiert. Und die siebzig Jahre später immer noch schwiegen.
Es war seine Familie. Sein Dorf.
Warum hätte er anders sein sollen?

Heute war der Tag nach dem Besuch bei seiner Mutter. Es war ein neunter November. Kalte Bitternis stieg ihm in die Kehle, und er wusste, wenn er jetzt zu sprechen versuchte, dann wäre es nur ein erbärmliches Krächzen und kein Geschöpf könnte verstehen, was in ihm vorging. Außer einem Raben vielleicht. Oder einer Liebenden, wie seine Hündin?
Er ging den anderen ein paar Schritte voraus, schweigend, auf dem Heimweg.

Warum lieben sie uns?

Solange du da bist
(Erzählung aus: Von Hunden und Menschen, S. 281)

Sie lag da, auf der linken Körperseite, hinter ihm auf dem Teppich, und schlief. Er saß am Schreibtisch, drehte sich um. Sie atmete ruhig und gleichmäßig. Ihre Beine zuckten. Vielleicht spürte sie, dass er sie anschaute.

»Wer ist dieses Wesen?«, fragte er sich.
»Hat sie mich ausgewählt, dass ich mich um sie kümmere und sie sich um mich?«

Mag sein, dass er ihr wahres Wesen nicht erkennen konnte.
Mag sein, nein, bestimmt sah, hörte, roch, fühlte seine Hündin ihn anders als er sie.

Gestern, bei der Begegnung im Park, sagte Jack mit seiner tiefen Stimme und britischem Akzent:
»Sie sind die Einzigen, die uns ihrer eigenen Spezies vorziehen.«
Das klingt unbedeutend, angesichts der Wirrnisse dieser Zeit. In Wahrheit ist es erschütternd!

»Wie könnte eine andere Spezies uns vertrauen?«, murmelte Johannes bitter und würde sich gerne mit den altbekannten menschlichen Selbstvorwürfen begnügen.
Doch Lilie lag zu seinen Füßen und schlief. Sie war alt und müde. Sie vertraute ihm. Genügend jedenfalls, dass sie nahe bei ihm ruhig und friedlich schlief. Spürte sie, dass er, seine Spezies, sich danach sehnte, besser zu werden als ihr Ruf, als die Erfahrung der anderen mit seiner Spezies?
Oder war es vielleicht nur eine narzisstische Beziehung von der einen und eine opportunistische von der anderen Seite?
Er konnte das nicht glauben, weil er nichts von ihr verlangte. Er freute sich nur, dass sie da war. Solange sie lebte.
Solange sie da war.
Und sie?
Sie suchte stets seine Nähe.

Ihre gegenseitige Verbundenheit war eine Gabe, die er mit Verwunderung und Ergebenheit annahm und erwiderte, so gut er es vermochte.
Ihre Hingabe zeigte ihm den Pfad der Liebe, des Immer-von-Neuem-Vertrauens.
Ein Geschenk, dessen er sich würdig erweisen möchte.

Vor ein paar Wochen hatte er Jack schon einmal beim Morgen­spaziergang mit den Hunden getroffen. Jacks Hündin June war vorausgelaufen und schaute Johannes mit strahlenden Augen und vor Freude ihren ganzen Körper hin und her windend an. Jack kam auf ihn zu. Anstelle einer Begrüßung rief er kopfschüttelnd:
»Warum lieben sie uns?«

Nach oben scrollen